Transparenz gegen Korruption im Gesundheitswesen

Anlässlich der Korruptionsskandale im Bereich der Transplantationsmedizin brachten die Tagesthemen einen längeren Beitrag zu Korruption im Gesundheitswesen und den problematischen Beziehungen zwischen Pharmakonzernen und ÄrztInnen.

Analog zur fehlenden Strafbarkeit der Abgeordnetenbestechung, macht sich auch eine niedergelassene ÄrztIn nicht strafbar wenn sie Geldzuwendungen durch VertreterInnen von Pharmaunternehmen annimmt. Dies ist erst kürzlich durch den BGH (Urteil, PM) bestätigt worden.

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Jahrmarkt in der Arztpraxis (update)

Heise berichtete davon, dass die Berliner Ärztekammer im Rahmen der gesetzlich verpflichtenden Fortbildungsmaßnahmen für Ärztinnen und Ärzte (§ 95d SGB V) auch Kurse des Arztes Jeremy Sherr akzeptiert und bewirbt. Jeremy Sherr vertritt die Ansicht mittels homöopathischer Zuckerkügelchen AIDS heilen zu können und ist in diesem “Forschungsauftrag” in Afrika unterwegs. In der Welt der Homöopathie tun sich auch katholische Ärztinnen und Ärzte hervor, die beispielsweise Homosexualität mittels Zuckerkügelchen heilen wollen. Das lässt tief blicken und erahnen welches Weltbild häufig hinter dieser Art von “Medizin” zu finden ist. Aufgrund mangelnder wissenschaftlicher Evidenz der Homöopathie sind absurde Auswüchse aber keineswegs etwas Ungewöhnliches.

Als Bürger Brandenburgs interessierte mich natürlich was die Landesärztekammer unseres Landes als gesetzlich verpflichtende Weiterbildungskurse akzeptiert. Und es ist nicht verwunderlich, auch hier finden sich Verfahren mit nicht erwiesener Wirkung wie die Homöopathie und die Akupunktur wieder. Als “wissenschaftliche Leiterin” wird dabei Frau Dr. med. Ulrike Keim genannt. Schaut mensch sich den Lebenslauf von Frau Dr. Keim an, stößt mensch wiederum auf interessante Verbindungen. Denn dort ist u.a. zu lesen, dass sie “Vize-Präsidentin der Internationalen Gesellschaft für Homöopathie und Homotoxikologie” ist, sowie “Leiterin der Homöopathieausbildung für Fachärzte – Masterstudiengang Europauniversität Viadrina Frankfurt/Oder“.

Viadrina, war da nicht was?

Genau, das ist die Universität, die sich gerade in wissenschaftlichen Kreisen den Ruf als “Hogwarts an der Oder” verdient hat. Am “Institut für transkulturelle Gesundheitswissenschaften” (IntraG), deren Institutsleiter Harald Walach eine Stiftungsprofessur der “Biologische Heilmittel Heel GmbH” inne hat, gibt es einen Masterstudiengang der Kulturwissenschaften (sic!) mit dem Titel “Komplementäre Medizin“. Ein kulturwissenschaftliches Studium, mit einer kleinen Studiengebühr von 10.000 €, mit dem Ziel alternative Heilmethoden zu lehren und erforschen? Wer medizinischen Rat sucht, hat doch vornehmlich das Interesse eine wissenschaftliche und evidenzbasierte Medizin angeboten zu bekommen. Reproduzierbare und in Peer-Review bestätigte Erkenntnisse sollten Grundlage einer vernünftigen wissenschaftlichen Behandlung sein. Oder geht es bei dem ganzen Universitätszirkus nur darum, den bisher wissenschaftlichen Anforderungen nicht entsprechenden “Heilmethoden” einen wissenschaftlichen Ruf zu verschaffen? Ich empfehle die inhaltlich wie lyrisch großartige Laudatio von Mario Sixtus für Harald Walach als Preisträger des “Goldenen Brett” für “den herausragendsten Unfug des Jahres“. Aber auch die Hochschulstrukturkommission des Landes Brandenburg schreibt Bemerkenswertes über IntraG:

Die Zielgruppe der Ärzte, Apotheker und Psychotherapeuten, an die sich das Studienangebot „Komplementäre Medizin“ des Instituts besonders richtet, wird insgesamt von einem Lehrkörper betreut, dem überwiegend medizinische Kenntnisse fehlen. Dies gilt besonders für die Forschung, die der Lehre zugrunde liegen sollte.

Abschließend kommt die Komission zu dem vernichtenden Urteil:

Die Hochschulstrukturkommission empfiehlt der EUV dementsprechend nachdrücklich den künftigen Verzicht auf das Angebot des MA-Studienganges „Kulturwissenschaften – Komplementäre Medizin“. Eine Fortführung des Instituts für transkulturelle Gesundheitswissenschaften ist weder wie bisher als In-Institut noch als An-Institut zu befürworten.

Es gibt also genügen Gründe an der wissenschaftlichen Reputation des “Instituts für transkulturelle Gesundheitswissenschaften” zu zweifeln.

Zurück in die brandenburgischen Arztpraxen

Frau Dr. Keim ist nun also die “wissenschaftliche Leiterin” eines im Rahmen der gesetzlichen Fortbildungspflicht anerkannten Weiterbildungskurses der Landesärztekammer Brandenburgs. Die gelehrte Heilmethode ist weder wissenschaftlich fundiert, noch ist ihre Wirksamkeit reproduzierbar nachgewiesen worden. Die wissenschaftlich Verantwortliche lehrt zudem an einem Institut, dem die Hochschulstrukturkomission des Landes das überwiegende Fehlen medizinischer Kenntnisse attestiert. Für die gesetzlich vorgeschriebenen Fortbildungsmaßnahmen schreibt § 95d SGB V vor:

Die Fortbildungsinhalte müssen dem aktuellen Stand der wissenschaftlichen Erkenntnisse auf dem Gebiet der Medizin, Zahnmedizin oder Psychotherapie entsprechen.

Diesen Anforderungen können Ausbildungen im Bereich der Homöopathie nicht gerecht werden. Maximal psychotherapeutische Ansätze ließen sich in diesem Bereich möglicherweise finden, jedoch beruft sich die Homöopathie selber nicht auf diese, sondern konstruiert fernab der wissenschaftlichen Realität eigene nicht belegbare Erklärungsmodelle für ihren Budenzauber.

Es gibt bereits genügend Probleme und Missstände in der alltäglichen Praxis unseres Gesundheitswesens. Lange Wartezeiten, unnötige Behandlungen/Verschreibungen, ungerechte Verteilung der Mittel aus den Kassen an die Ärzteschaft, Lobbyarbeit von Seiten der Pharmaindustrie und Krankenhausbetreiber um nur einige Dinge zu nennen. All diese Einflüsse führen nicht zu einer medizinischen Versorgung die Patienteninteressen in den Mittelpunkt stellt und sich gänzlich der Erhaltung und Wiederherstellung der Gesundheit der Patienten widmet. Wenn jetzt also auch noch Unternehmen und VertreterInnen aus dem Bereich der esoterischen “Alternativmedizin” an der Weiterbildung des ärztlichen Personals beteiligt werden, ist ein weiteres Absinken der Qualität der medizinischen Versorgung in Deutschland die zwangsläufige Folge.

Von mir aus darf sich jeder Mensch gerne mit Zuckerkügelchen behandeln lassen in denen vorgeblich potenzierte Wirkstoffe wie Krötengift, Milzbrand, Opium, Röntgenstrahlen, Schuppen des rudimentären Großzehnagels des Pferdes, Hundekot, Faules Rindfleisch, Coca Cola, Sonnen- oder Mondfinsternisstrahlen enthalten sein sollen (Quelle .pdf). Im Grunde ist in der ganzen homöopathischen Jahrmarktsmedizin letztlich kein Wirkstoff enthalten, es wurde kein Wirkmechanismus nachgewiesen und eine reproduzierbare Wirkung ist ebenfalls bisher nicht belegt. Als Patient erwarte ich die Möglichkeit zwischen Medizin (wirkt) und Alternativmedizin (wirkt nicht) unterscheiden zu können. Wenn nun aber die Landesärztekammern die unwissenschaftliche Pseudomedizin als anerkannte Fortbildungsmaßnahmen führt, können am Ende die Patientinnen nicht wissen wie sehr sich die sie behandelnde Ärztin am Stand der Wissenschaft oder am Markt der Pseudomedizin orientiert. Das ist ein Missstand den es zu ändern gilt, aus medizinischen, ethischen und auch ökonomischen Gründen. Denn so sehr die VertreterInnen dieser “Heilmethoden” auch auf die großen Pharmakonzerne schimpfen, so heuchlerisch vertreten auch sie ureigene wirtschaftliche Interessen. Ob nun Unwissenheit oder Gier Hauptantriebsfeder der PseudomedizinerInnen ist, können letztlich nur sie selber beantworten. Als PatientIn sollte man aber die Möglichkeit haben unterscheiden zu können welche tatsächliche fachliche Kompetenz eine Ärztin oder ein Arzt hat.

Eine strikte Trennung der ärztlichen Fachausbildung von vorgeblich wissenschaftlichem Hokus-Pokus muss auch im Interesse der Ärztekammern sein. Es darf über diese Schiene nicht noch mehr Unfug Einzug halten in die Vorstellungen der Menschen von Medizin. Denn letztlich ist es eben nicht bloß “harmloser Irrglaube” der dadurch Verbreitung erfährt. Wer sich über die Folgen von “Alternativmedizin” informieren möchte, kann sich bspw. den Nocebo-Effekt oder die (häufig von Waldorfschulen ausgehenden) Masern-Epidemien ansehen und wird vermutlich schnell über Impfgegner und Chemtrails bei der antisemitisch begründeten Bewegung der “Germanischen Neuen Medizin” oder noch Abstruserem landen. Das Projekt “Whats the harm?” sammelt Beispiele für lebensgefährliche bzw. tödliche Folgen von Behandlungen durch “Alternativmedizin” die zu großen Teilen durch echte medizinische Behandlung heilbar gewesen wären. Letztlich ist es unerträglich wie oft solche Alternativmedizin und deren esoterisches Umfeld mit Rassismus und Antisemitismus durchsetzt sind, jeder der in diesen selbstreferenziellen Kreisen recherchiert wird über diese ideologische Nähe zwangsläufig stolpern. Dieser “Bewegung” durch Universitäten und Ärztekammern unnötig den Anschein von Wissenschaftlichkeit und Ernsthaftigkeit zu verleihen ist eine echte Katastrophe.

Ich habe mich in diesem Zusammenhang mit einer Beschwerde an die Landesärztekammer Brandenburg gewandt mit der Bitte um Beantwortung einiger Fragen.

Update:

Die Berliner Ärztekammer hat, nachdem die klassischen Medien den Heise Bericht aufgegriffen haben und sich über den Spökes von Homöopath Jeremy Sherr amüsiert haben, diese Kurse aus den Fortbildungsmaßnahmen getsrichen.

Die Landesärztekammer Brandenburg hat mir geantwortet, leider nicht inhaltlich sondern nur mit einem Zuständigkeitsverweis an die Bundesärztekammer. Meine Fragen habe ich nun auch dorthin gesandt und warte auf Beantwortung.

Quellen und Weiterführende Beiträge:

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Klicktivismus in Sachen #refugeecamp

Der gute @map hat eine Mail von @HerrUrbach an den Bundespräsidenten Gauck ver-links-bumst, so dass deren Text nun jedem Menschen als Anschreiben an den Bürgerrechtler Gauck dienen kann.

 

Sehr geehrter Herr Bundespräsident,

ich freue mich, dass mit Ihnen ein erfahrener Bürgerrechtler das Amt des Bundespräsidenten bekleidet. Wie Ihnen sicher nicht entgangen ist, gab es bis heute am Pariser Platz einen neun tägigen Hungerstreik und am Oranienplatz ein Camp von Geflüchteten. Die Geflüchteten möchten mit den Aktionen auf ihren unwürdigen Lebensalltag in Deutschland aufmerksam machen: Residenzpflicht, Sammelunterkünfte, Arbeitsverbot, keine Deutschkurse und staatliche Leistung unter dem Existenzminimum – um nur einige Punkte zu nennen.

Den Geflüchteten wurden während des Hungerstreiks nicht nur Isomatten und Schlafsäcke sowie Decken weggenommen, auch ein Sanitätszelt wurde von der Polizei zerstört. Rollstühle wurden als Camping-Utensilien deklariert und ebenfalls weggenommen. Die Zusagen des Bezirksbürgermeister Hanke erwiesen sich am nächsten Tag als Luftblasen, nichts davon wurde eingehalten. Der Alltag für Geflüchtete ist geprägt von Diskriminierung.

 Auch wenn nun der Hungerstreik beendet und eine beschleunigte Einzelfallprüfung für die Streikenden angekündigt wurde, hat sich an der grundlegenden Situation von Geflüchteten in Deutschland nichts geändert.

Ich persönlich erwarte von Ihnen als Bundespräsident und Bürgerrechtler, dass sie sich zu der Situation von Geflüchteten in Deutschland äußern und Parlament und Regierung ermahnen, hier zu handeln, nachdem mit dem Bundesverfassungsgericht ein Verfassungsorgan ebendieses mit dem Entscheid über die Regelsätze bereits getan hat. Wir brauchen in Deutschland eine moderne, offene Asylpolitik, die Geflüchteten aus aller Welt ermöglicht, ein Leben in Freiheit und ohne Verfolgung zu beginnen.

Mit freundlichen Grüßen,

Mag jeder von Klicktivismus halten was er will. Ich habe mich dem Schreiben angeschlossen.

Update: Die @anked hat das Schreiben etwas überarbeitet und stellt ihre Version auf pastebin bereit.

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