Anstand und Internet – Neuland für Oettinger

Die Europäische Union gewinnt mit Günther Oettinger einen neuen Kommissar für Digitale Wirtschaft und Gesellschaft.

Nun lieferte der Herr Kommissar gleich in seiner ersten Befragung einen Beleg dafür, warum es kaum eine schlechtere Besetzung hätte geben können.

Oettinger wörtlich:
“Wenn jemand so blöd ist und als Promi ein Nacktfoto von sich selbst macht und ins Netz stellt hat ers (sic!) nicht von uns zu erwarten das wir ihn schützen. Also vor Dummheit kann man die Menschen auch nicht, oder nur eingeschränkt bewahren.”

Oettinger bezieht sich hier auf die Übergriffe auf prominente Frauen. Private iCloud Speicher von prominenten Frauen wurden gehackt und deren private, nicht öffentlich “ins Netz gestellten” Fotos wurden über diverse für sexistische Verhaltensweisen bekannte Plattformen verbreitet.

Es ist bezeichnend, dass Oettinger in seiner Aussage nur in der männlichen Form von Opfern spricht, obwohl es sich doch im vorliegenden Fall um einen Übergriff auf weibliche Prominente handelte. (“ein Promi“, “ers“, “das wir ihn schützen“)

Zunächst verdreht Oettinger die Täter-Opfer-Rolle, indem er den durch sexuelle Übergriffe bloßgestellten Frauen die Verantwortung selbst in die Schuhe schiebt. Nicht etwa den Kriminellen, die ihre Opfer in aller Welt entblößten, nicht etwa Apple für die unzureichende Sicherung ihrer überteuerten Lifestyle-Produkte, nicht etwa den Strafverfolgungsbehörden die diesen Frauen nicht halfen oder all jenen, die genüßlich am Streisand-Effekt mitwirkten und diese Übergriffe damit noch befeuerten. Nein, für Oettinger sind die Frauen schuld.

Dies alleine disqualifiziert für mich die Person Oettinger bereits vollends.

Aber es kommt bei Herrn Oettinger leider noch schlimmer, denn mit dieser opfer- und frauenverachtenden Aussage offenbart er obendrein auch noch seine fachliche Inkompetenz.

Um welche Art von Daten ging es hier? Es ging um private, nichtöffentlich in einem Cloudspeicher abgelegte Daten. Also in etwa so etwas wie eine Email, gar eine DE-Mail. Oder eine Unternehmensdatenbank oder auch eine behördliche Datenbank. Jedenfalls also um Daten, die durch gesonderte Maßnahmen einem Zugriff Dritter nicht offenstehen (sollten), deren Verbreitung “im Netz” also nicht nur nicht intendiert war, sondern die darüber hinaus gesondert davor geschützt gewesen sind.

Folgt man also der Logik unseres Digital Kommissars, so sind alle staatlichen, wirtschaftlichen oder privaten Daten die “ins Netz gestellt” wurden vogelfrei. Also alle Daten von Rechnern, Routern und Cloudspeichern. Sei es die private Netzwerkfestplatte oder große Unternehmens- oder Behördendatenbank, eben alle Daten der ans Netz angeschlossenen Endgeräte. Sie sind demnach frei für jeden zugänglich und wer ein solches Gerät nutzt ist letztlich selber schuld wenn etwas verloren geht oder es zu Missbrauch kommt. Krankenversicherungshistorie abhanden gekommen? Pech gehabt! Meldedaten der Behörde futsch? Steuer- oder Bankdaten kopiert? Betriebsgeheminsse ausspioniert? Selber schuld! Vorratsdaten verloren gegangen? Warum stellt ihr auch alles ins Netz?

Na danke!

Es ist leider, insbesondere bei Behörden die noch heute teils Windows XP Rechner einsetzen oder Kommunikation mit gebrochener Verschlüsselung (DE-Mail) wirklich kein Wunder, wenn Daten an unbefugte Dritte gelangen. Doch sollte eben da nicht der Staat anfangen das Problem zu verstehen um es in den Griff zu bekommen?
Herr Oettinger jedenfalls scheint nicht den gringsten Hauch einer Vorstellung zu haben wovon er spricht. Darüber hinaus verhöhnt er die Opfer von sexuellen Übergriffen indem er Ihnen, nicht den Tätern, die Schuld für den Missbrauch unterjubelt.

Leider scheint neben dem Internet auch Anstand für Unionspolitiker Neuland zu sein.

Bleibt nur zu hoffen, dass der Lobby-Kommissar nicht all zu viel Schaden anrichtet in seinem Amt, positive Impulse sind jedenfalls bei dieser offenkundigen Fehlbesetzung nicht zu erwarten.


Zum neuen Digital Kommissar möchte ich Euch noch folgende Links ans Herz legen:

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